Klimakrise im Rückspiegel: Warum die EU bei CO₂-Speicherung ins Straucheln gerät
Die Klimapolitik in der EU steht vor einer ernsthaften Herausforderung. Eine Studie von Wood Mackenzie hat jetzt aufgezeigt, dass die EU das ambitionierte Ziel von 50 Millionen Tonnen jährlicher CO₂-Speicherkapazität im Rahmen des Net Zero Industry Act (NZIA) deutlich verfehlen wird. Schockierend ist die Tatsache, dass die Lücke für die CO₂-Speicherung in der EU mindestens 17,5 Millionen Tonnen pro Jahr beträgt. Selbst im besten Szenario liegt die EU 35 Prozent unter dem gesetzlich festgelegten Ziel. Aktuell sind weniger als sechs Prozent der angestrebten Speicherkapazität des NZIA in Betrieb oder im Bau – das ist, gelinde gesagt, ernüchternd.
Um das Ziel zu erreichen, wären gigantische Investitionen nötig. Zwischen 2026 und 2028 müssten die Investitionsentscheidungen für CO₂-Speicher verfünffacht werden, was in der gegenwärtigen Lage wie ein Ding der Unmöglichkeit erscheint. Die aktuelle Analyse, die im Auftrag von ExxonMobil, OMV Petrom, Shell und TotalEnergies durchgeführt wurde, betrachtet die Abscheidung, den Transport und die Speicherung von CO₂ als ein vernetztes System. Doch die fragmentierte Wertschöpfungskette bremst die CO₂-Speicherung in der EU erheblich.
Hindernisse und Verzögerungen
Speicherbetreiber sind zwar an strikte gesetzliche Verpflichtungen gebunden, aber ohne verbindliche Abnahmeverträge oder Pipeline-Anbindungen bleibt vieles auf der Strecke. Bislang haben nur vier Millionen Tonnen jährlicher Abscheidungskapazität in der EU eine Investitionsentscheidung erreicht. Systematische Projektverzögerungen von durchschnittlich 1,5 Jahren machen die Situation nicht besser. Nehmen wir das niederländische Projekt Porthos, dessen Inbetriebnahme nun für die zweite Jahreshälfte 2027 geplant ist. Oder das belgische Projekt Antwerp@C, das über 730 Millionen Euro an EU-Fördermitteln erhalten hat – ohne dass bislang eine Investitionsentscheidung getroffen wurde.
Besonders besorgniserregend ist, dass rund elf Millionen Tonnen der geplanten EU-weiten Abscheidungskapazität von 36,5 Millionen Tonnen pro Jahr drohen, ungenutzt zu verwaisen. Standorte in Frankreich und Deutschland sind hier besonders stark betroffen. Während die EU-Kommission Fortschritte bei der CO₂-Speicherung sieht, bleibt die Frage, ob das 2030-Ziel wirklich erreichbar ist, wenn die Projekte nicht schnell genug umgesetzt werden. Aktuell haben lediglich drei Speicherstandorte Genehmigungen erhalten: Porthos, Greensand und Prinos. Und mindestens sieben weitere Standorte mit einer Gesamtkapazität von 19 Millionen Tonnen jährlich sollen folgen.
Strategische Projekte unter dem NZIA
Ein Hoffnungsschimmer könnte in der Anerkennung von Projekten als strategische Vorhaben liegen. Diese Anerkennung erfolgt, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu gehört unter anderem die Erhöhung der Produktionskapazität der EU für Netto-Null-Technologien oder der Zugang zu den besten verfügbaren Technologien. Auch Carbon Capture and Storage (CCS) Projekte können so als strategisch anerkannt werden. Doch der Weg ist lang: Der Antragsteller reicht seinen Antrag bei der Europäischen Kommission ein, die dann über die Anerkennung entscheidet.
Diese strategischen Projekte genießen Privilegien, wie beispielsweise ein „öffentliches Interesse“ bei behördlichen Entscheidungsträgern und Unterstützung für Finanzierungsmöglichkeiten. Aber das Ganze hat auch seine Tücken. Die Anerkennung ist ein zweistufiger Prozess, der Zeit und Geduld erfordert. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hat bereits Leitlinien zur Durchführung des NZIA entwickelt, um den Prozess zu beschleunigen. Aber ehrlich gesagt, in der gegenwärtigen Lage bleibt die Frage: Werden wir wirklich rechtzeitig die Wende schaffen?
