Heute ist der 10.05.2026. Wenn wir an Island denken, kommen uns oft Bilder von schneebedeckten Gletschern, dampfenden Quellen und einer rauen, aber wunderschönen Landschaft in den Sinn. Doch der Klimawandel hinterlässt auch hier seine Spuren – und die sind alles andere als schön. Ein Blick auf die Veränderungen, die sich in den letzten Jahren ereignet haben, ist nicht nur beeindruckend, sondern auch besorgniserregend.
Jedes Jahr am ersten Donnerstag nach dem 18. April feiern die Isländer „Sumardagurinn fyrsti“ – den ersten Sommertag. Ein Feiertag, der auf den altisländischen Kalender der Wikinger zurückgeht, wo es nur Winter und Sommer gab. Traditionell werden an diesem Tag Geschenke ausgetauscht, und die Vorfreude auf das Wetter ist greifbar. In diesem Jahr war der Himmel leicht bewölkt, mit gelegentlichem Sonnenschein, was für Island schon fast einen Feiertagsglanz ausstrahlt. Allerdings, und das ist die leidige Wahrheit, gibt es auch eine alte Bauernregel, die besagt, dass der Sommer gut wird, wenn in der Nacht zum Feiertag Frost herrscht. In diesem Jahr war das leider nicht der Fall. Die Klimawandel-Effekte sind auch hier spürbar, mit selteneren eiskalten Nächten und einer verlängerten Pflanzsaison.
Gletscher im Rückzug
Die isländischen Gletscher sind ein trauriges Beispiel für die dramatischen Veränderungen, die der Klimawandel mit sich bringt. Der Jökulsárlón, einst eine beeindruckende Gletscherlagune, hat sich zu einem großen See entwickelt, aus dem Eisbrocken unaufhörlich ins Meer treiben. Der Gletscher Okjökull, der 2014 seinen Status als Gletscher verlor, ist nur ein weiteres Zeichen dieser besorgniserregenden Transformation. 2019 wurde er offiziell aus der Liste isländischer Gletscher gestrichen und eine Gedenktafel wurde angebracht. Diese Tafel warnt eindringlich, dass in den nächsten 200 Jahren alle isländischen Gletscher folgen könnten. Trauerfeiern für verschwundene Gletscher finden mittlerweile in vielen Ländern statt – ein düsteres Zeichen, wie sehr die Natur leidet.
Doch es sind nicht nur die isländischen Gletscher, die in Gefahr sind. Weltweit gibt es mehr als 275.000 Gletscher, die durch den Klimawandel stark gefährdet sind. Laut einer Studie der Universität Zürich haben Gletscher seit 2000 jährlich etwa 273 Milliarden Tonnen Eis verloren. 2024 war eines der schlimmsten Jahre, in dem 450 Milliarden Tonnen Eis schmolzen. Besonders betroffen sind die Anden, der Himalaya und die Alpen. In den Anden beispielsweise sind Gletscher in den letzten 40 Jahren um 30 bis 50 Prozent geschmolzen. Und das hat weitreichende Folgen: Gletscher speichern etwa 70 Prozent des globalen Frischwassers – über drei Milliarden Menschen sind auf Schmelzwasser angewiesen. Es ist ein Teufelskreis, der uns alle betrifft.
Der Gartenbau im Wandel
Island, ein Land, in dem Gärtnerei traditionell eine Herausforderung darstellt, zeigt dennoch bemerkenswerte Fortschritte. Die Einführung geothermisch beheizter Gewächshäuser hat es ermöglicht, Pflanzen anzubauen, die früher nicht gedeihen konnten. Kartoffeln, Rüben, Kohl und Rhabarber sind schon lange traditionelle Pflanzen, aber Äpfel und Erdbeeren im Freiland? Das wird zunehmend erfolgreich. Komischerweise stehen diese Entwicklungen im Widerspruch zur globalen Erwärmung. Denn während die Gletscher schmelzen und die jahreszeitlichen Muster durcheinandergeraten, wachsen die Pflanzen, die hier gedeihen. Es ist ein merkwürdiges Bild von Hoffnung und Angst, das sich da entfaltet.
Berit Glanz, die Autorin des Essays, lebt seit 2021 in Reykjavík und hat mehrere Bücher veröffentlicht. Ihre Perspektive auf die Veränderungen in der isländischen Landschaft ist wertvoll, denn sie bringt die kulturellen und natürlichen Aspekte zusammen. Der Rückgang der Gletscher destabilisiert nicht nur das Klima, sondern gefährdet auch die biologische Vielfalt. Gletscher reflektieren Sonnenstrahlung und kühlen das Klima – ihre Abwesenheit hat also weitreichende Konsequenzen.
Ohne sofortige Maßnahmen wird der Gletscherschwund weitergehen. Doch es gibt Hoffnung. 2025 ist das Internationale Jahr des Gletschererhalts, und Forscher hoffen auf Investitionen in die Gletscherüberwachung. Genauere Daten sind notwendig, um den Rückgang der Gletscher und die damit verbundenen Naturgefahren besser zu verstehen.